Wann bleibt die Zeit endlich stehen?

Spätsommer im Riesengebirge.

Die Morgensonne durchdringt die grauen Spitzenvorhänge. Ich reiße die Fenster auf und beuge mich so weit nach vorne, dass meine Füße den Boden nicht mehr berühren. Mein Blick wandert zu der rot gestrichenen Holzbank an der Hausfassade, auf der sich meine Großeltern niedergelassen haben und ich bemerke, dass sie ganz nah beieinander sitzen. Meine Oma hat ihr Bein über Opas gelegt. Es ist der Ansatz einer längst verblassten Intimität. Oma legt ihren Kopf auf Opas Schulter und beobachtet aufmerksam die stillen Felder, die sich hinter dem Dorf erstrecken.

Meine Großeltern leben allein in einem nahezu leeren Haus, bestehend aus leeren Räumen mit ausgeblichenen Tapeten. Bewohnt werden nur noch Küche, Wohnzimmer und im Keller stapeln sich Vorräte in Einmachgläsern. Auf den Fensterbrettern reihen sich bunte Blumentöpfe aneinander. Sie hängen auch von den Decken herunter, stehen im Flur, nehmen den Balkon ein, sitzen auf dem Klavier oder zieren den Garten. Das Haus besteht aus wuchernden Pflanzen und aufgesaugter Vergangenheit. Der Morgen sieht jeden Tag gleich aus. Ich schnappe ich mir eine Gießkanne, renne zum Waschbecken und zurück, die Treppen hoch und runter, während kaltes Leitungswasser auf meine nackten Füße tropft. Weiße Sonnenstrahlen prallen auf den Balkon, ich drehe mich ganz schnell im Kreis und gieße die Pflanzen, während Wassertropfen die Hauswand herunterrinnen.        

Oma hat ein krankes Bein. Ihr linkes Knie zeigt in die falsche Richtung, rutscht immer weiter ein Stück nach links. Ich sehe, wie ihr das Gehen schwerfällt, wie ihre Bewegungen stocken und sie dankbar nach ihren Krücken greift. „Das macht das Alter mit einem. Du glaubst gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht!“, ruft sie aus und verschwindet im Garten, ihr krummes Bein hinter sich herziehend. Ich schaue aus dem Fenster und entdecke sie am Pflaumenbaum, wo sie mit zitternden Händen die dunklen Früchte pflückt. Irgendwann kommt Opa zurück aus dem Wald und zeigt mir seinen Korb gefüllt mit Pilzen.

Ich sitze mit Oma in der Küche und trinke den Früchtetee, den sie mir gemacht hat. Der Raum duftet nach frisch gebackenen Buchteln. „Nimm dir!“, sagt sie, nickt in Richtung Ofen und setzt sich zu mir an den Tisch. Ich nippe an der dampfenden Porzellantasse und schaue aus dem Fenster. Wolken ziehen auf und verdecken die Sonne. Oma starrt müde die Wand an, ihre rechte Wange gegen ihre rechte Hand gelehnt. Ihr Gesicht ist von der Sonne gegerbt und faltig wie eine Harmonika. Es ist das Gesicht einer alten Frau, gezeichnet von einer seltsamen Symmetrie. Das rundliche Antlitz ist der Antagonist ihrer weichen, blassen Hände. Ich schaue auf die Hände eines Mädchens, auf deren glatte Haut. Das Haar leuchtet hell auf ihrem Kopf und gibt keine einzige graue Strähne preis.

„Opa, wo ist Oma?“. Opa sitzt im Hof, den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Schäferhund unter seinen Beinen liegend. Manchmal hört er sehr schlecht, deshalb versuche ich besonders tief und laut mit ihm zu sprechen. „Oma ist unten am Bach.“ Opa ist die meiste Zeit still, denn er ist ein Beobachter, ein Zuhörer. Er sagt nicht sonderlich viel, doch wenn er etwas sagt, dann ist er immer lustig.

Ich bahne mir den Weg durch das kniehohe Gras, das meine Knie zerkratzt. Von Oma ist nur der blonde Haarschopf zu sehen, den Rest ihres Körpers scheint die Wiese verschluckt zu haben. Ihre Hände setzen kleine Bäume in die Erde. „Wenn Opa und ich nicht mehr sind, dann stehen die Tannen immer noch hier.“, murmelt sie und klopft die kalte Erde mit der Schaufel fest. „Wie die Zeit vergeht.“, seufzt sie und wischt sich mit dem Handrücken über ihre Stirn, sodass diese plötzlich ganz dreckig ist.

„Oma, an was glaubst du eigentlich?“

„Ich weiß nicht, an was ich glauben soll.“

„Ich auch nicht.“

„Nicht einmal an die katholische Kirche?“

„Als ich klein war. Da blieb mir nichts anderes übrig.“ Und sie erzählt mir von meiner Urgroßmutter, die von einem Blitz getroffen wurde, als Oma vier war. „Da habe ich jeden Abend gebetet, dass sie zurückkommt. Und manchmal bin ich erst neben ihrem Grab eingeschlafen.“

„Was denkst du, passiert nach dem Tod?“

„Das weiß niemand.“

„Der Katholizismus würde dir jetzt eine Antwort geben.“

„Quatsch. Ach, wie die Zeit vergeht!“

Es ist spät, aber Oma und ich sitzen noch im Wohnzimmer. In der Küche ist das Radio an und wir lauschen dem dumpfen Geräusch der Musik, das durch die Wand dringt. Tschechoslowakische 80er. Opa schläft schon, während Oma und ich auf dem Sofa liegen und den schwarzen Bildschirm des Fernsehers anstarren. Ich nehme ihre Hand, begutachte sie und lasse sie nicht mehr los. „Oma, seit wann sind deine Finger so krumm?“ Sie lacht.

„Weißt du, manchmal überrascht es mich, dass Opa und ich noch zusammen sind.“

„Wieso das denn?“

„Es überrascht mich, dass er sich nie eine andere Frau gesucht hat. Seine Eltern wollten immer, dass er ein reiches Mädchen heiratet. Wir waren aber nie reich.“

Ich muss grinsen.

„Kaum zu glauben, dass wir so lange miteinander ausgehalten haben. Wie die Zeit vergeht!“

Und ich frage mich, wann die Zeit endlich stehen bleibt.

Ein Leben in Schaufenstern

Der Zug braust durch die flache Landschaft. Die Niederlande ist ein Abbild grauer Backsteinhäuser. Sie verschwimmen mit dem Himmel und bilden eine eintönig graue Szenerie. Wir fahren durch Städte und Dörfer, die alle gleich aussehen. Alles wiederholt sich.

Amsterdam strahlt etwas kleinstädtisches aus. Der rußfarbene Himmel spiegelt sich in den Grachten. In der Luft liegt der Geruch von Herbst und dabei haben wir erst Spätsommer. Einige Straßen sind leer, in anderen tummeln sich Schwärme fahrradfahrender Menschen und sie starren stur gerade aus.

Van Gogh hegt eine besondere Faszination für die Bauern und die Schlichtheit, die sie verkörpern. Er beobachtet sie bei ihrer Arbeit auf dem Feld. Er studiert sie, ihre Bewegungen, ihre eingefallenen Gesichter, ihre faltigen Hände. Sie sind schmutzig von der Erde und unter den Fingernägeln klebt Dreck. Das Leben auf dem Land stellt für van Gogh Ursprünglichkeit dar. Er verachtet die Moderne und die lauten stinkenden Städte, die sie mit sich bringt.

Sein Freund Paul Gauguin inspiriert ihn. Van Gogh stellt einen Vergleich auf, indem er zwei Gemälde von jeweils einem Stuhl anfertigt. Einer gehört Gauguin, der andere van Gogh.

Van Goghs Stuhl strahlt Bescheidenheit aus. Es ist ein schlichtes Exemplar, das aus rauem Holz angefertigt wurde. Die Sitzfläche, auf welcher Pfeife und Tabak liegen, besteht aus Stroh.

Van Goghs Stuhl

Seinem Stuhl stellt er Gauguins Stuhl gegenüber. Das Holz ist edel, seine Farbe ein anmutiges Rostrot. Auf dem grünen Sitzkissen befinden sich zwei französische Romane, daneben brennt eine Kerze.

Gauguins Stuhl

Van Gogh sieht sich als geheimer Verbündeter der Bauern. Sein Stuhl zeigt die romantische Vorstellung des ländlichen Lebens.

Er präsentiert Gauguin als weltoffenen Intellektuellen voller Anmut und Eleganz. Doch auch Gauguin ist angetan von dem Gedanken der Ursprünglichkeit, der Naturverbundenheit, bis er letztendlich beschließt, das einfache Leben auf Tahiti zu suchen.

Ich lasse mich zwischen van Goghs Gemälden treiben. Vor den Bildern, die kurz vor seinem Tod entstehen, bleibe ich am längsten stehen.

Ich komme in einem kleinen Boot am Hafen unter. Die Abende verbringe ich an Deck und schreibe in mein kleines Notizbuch. Im Hintergrund reflektiert das Wasser die Lichter verglaster Bürogebäude. Die Fenster haben die Größe von Schaufenstern, doch hinter ihnen befinden sich leere Räume. Ich beobachte meine eigene Handbewegung, sehe den Stift, wie er sich schleppend von links nach rechts bewegt. Einen Tisch weiter sitzt ein Junge mit schwarzem kurzgeschorenem Haar. Auf seinem Kopf sitzen viel zu große Kopfhörer, denen viel zu laute Musik entweicht, sodass ich jeden einzelnen Ton hören kann. Er sitzt regungslos vor seinem Laptop und folgt aufmerksam den mechanischen Bewegungen eines Orchesters. Ich erkenne Bach und seine Brandenburgischen Konzerte. Eine Stunde später klappt er den Laptop zu und verschwindet in seiner Kajüte.

Der Himmel ist strahlend blau. In Amsterdam hat der Tag schon längst begonnen. Ich schlendere an den unzähligen Grachten vorbei. Jede Ecke gleicht der nächsten und manchmal weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Es sind die kleinen Dinge, die sie voneinander unterscheiden. Ihre Menschen, ihre Geschäfte, ihr Geruch und die verschiedenen Verzierungen an den Hausfassaden. Ich setze mich an die Amstel, trinke lauwarmen Café und esse matschigen Apfelkuchen.

In den Niederlanden sind die Übergänge zwischen Stadt und Land abrupt. Hinter der Stadt tut sich direkt das Land auf. Der Bus verlässt das Amsterdamer Zentrum und plötzlich befinde ich mich inmitten von Kuhweiden. Die Dörfer sind Aneinanderreihungen schwarzer oder grüner Häuser, die in den Farben der Bauern und Fischer gestrichen worden sind. Sie sind hübsch, doch sie erscheinen mir künstlich, so als hätte sie jemand aus einem Katalog ausgeschnitten. Der süße Typ vom Crêpe-Stand verkauft mir süße Waffeln. Vom See weht ein sanfter Spätsommerwind zu mir herüber. Ich beobachte einen alten Mann, der akribisch genau die umliegende Landschaft skizziert und meine Blicke nicht bemerkt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der Windmühle, die sich knarrend im Rhythmus des Windes dreht. Ich sitze auf einem Steg, beuge mich über die Wasseroberfläche und lasse meinen Kopf über dem See baumeln. Die Welt dreht sich.

Mir fällt auf, dass die Menschen hier in Schaufenstern leben. Ihre Fenster sind so groß wie Schaufenster. Sie lieben die Sonne und wenn sie ihre dunklen Räume erhellt. Dafür geben sie ihre Privatsphäre auf. Ich laufe durch die leeren Straßen und mein Blick wandert zu den Schaufenstern. Ich sehe, wie sie ihre Wohnungen eingerichtet haben, wie sie krank auf dem Sofa liegen, wie sie sich streiten oder ihren Morgenkaffee zubereiten. Es sind kleine Theaterstücke, verschiedene Leben in einem Katalog, Schaufenster, die Leben in allen Farben und Größen zu einem fairen Preis anbieten.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Ich lese Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins zum zweiten Mal. Ich war siebzehn, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe. Genau zur selben Zeit, Ende August, als die Sommerhitze in der Prager Innenstadt kaum zu ertragen war. Ich erinnere mich, dass ich dieses abgewetzte Buch, das ich meinem Opa aus dem Bücherregal entnommen habe, immer und überall mithatte. Ich habe es in der Metro gelesen, im Bus, allen möglichen Cafés, in Parks oder beim Gehen. Zwei Sommer später habe ich es wieder in die Hand genommen.

Der Roman stimmt melancholisch. Und er fasziniert – die Art und Weise, mit welcher die tschechische Geschichte aufgearbeitet und zwischenmenschliche Beziehung analysiert werden. Es folgt die Erkenntnis, dass es gar nicht um die Liebe, sondern um die metaphysischen Probleme der einzelnen Figuren geht.

Milan Kundera und die tschechische Geschichte

Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins ist ein Roman des tschechisch-französischen Schriftstellers Milan Kundera, der 1984 in Frankreich als L’Insoutenable Légèreté de l’être erscheint. Erst ein Jahr später wird das Werk auf Tschechisch publiziert. Jedoch nicht in der Tschechoslowakei, sondern in Toronto bei 68 Publishers, einem tschechischen Verlag für Exilliteratur, der Werke zensierter Autoren im Ausland veröffentlicht. In Tschechien erscheint der Roman als Nesnesitelná lehkost bytí erst 22 Jahre später, gilt aber dennoch als Kunderas kommerziell erfolgreichstes Buch.

Wer Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins liest, wird gleichzeitig aufgefordert, sich mit dem sozialistischen Regime der damaligen Tschechoslowakei zu beschäftigen, denn sowohl die fiktive Geschichte des Romans als auch die persönliche Geschichte des Autors sind eng mit der tschechischen Vergangenheit verwoben. Von 1948 bis 1989 ist die Tschechoslowakei Teil des Ostblocks und ein totalitärer Staat. In seinen jungen Jahren ist Kundera, wie zahlreiche andere tschechische Autoren, stark prokommunistisch und Mitglied der tschechischen kommunistischen Partei (KSČ). In anfänglicher Euphorie verarbeitet er in seinen Werken kommunistische Grundgedanken (diese dürfen heute auf Wunsch des Autors nicht mehr publiziert werden). Im Laufe der Jahre wird Kundera zunehmend skeptischer, hinterfragt die Realisierung des Kommunismus und beginnt, systemkritische Romane zu verfassen.

In den 60ern stellt sich in der Tschechoslowakei die Tauwetterperiode ein, eine Phase der Entspannung und Liberalisierung. Die Zensur ist milder, das kulturelle Leben erfährt eine Wiederbelebung und ein neuer politischer Diskurs entsteht. Bürger und Politiker streben eine Reform des Sozialismus an, einen sogenannten „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Das Hoch dieser Phase ist der „Prager Frühling“ im Jahr 68. Im September marschieren die Truppen des Warschauer Paktes ein, um die Reformbewegung aufzuhalten. Nach der Invasion, in der Zeit der Normalisierung, werden die alten Zustände, die vor der Tauwetterperiode geherrscht haben, wiederhergestellt. Die Folgen sind erneute Repression, Bespitzelung und Zensur. In den 70er Jahren emigriert Milan Kundera nach Frankreich und wird der tschechischen Staatsbürgerschaft beraubt.  

Vor dem Hintergrund des Prager Frühlings und der Normalisierung spielt sich die Geschichte der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins ab, welche auf das Leben einfacher Menschen unter dem Einfluss des Realsozialismus blickt.

Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Den Hauptstrang bildet die Beziehung zwischen Teresa und Tomas. Sie lernen sich in einer tschechischen Kleinstadt kennen, in der Teresa ein eher biederes Leben führt. Tomas hingegen ist erfolgreicher Arzt in einem Prager Krankenhaus. Teresa beschließt, ihr altes Leben aufzugeben und flieht vor dem kleinstädtischen Milieu in die Hauptstadt.

Von Anfang an lastet auf ihrer Liebe Tomas‘ promiskuitiver Lebensstil und seine unzähligen Liebschaften. Nach der Invasion im Jahr 1968 wandern Tomas und Teresa in die Schweiz aus. Da Teresa das Leben in der Fremde nicht erträgt, kehrt sie in die Tschechoslowakei zurück. Ein paar Tage später folgt auch Tomas und beide büßen ihre Freiheit ein.

Wieder in Prag weigert sich Tomas, einen systemkritischen Zeitungsartikel, den er Ende der 60er Jahre verfasst hat, zu widerrufen. Er verliert seine Arbeit als angesehener Chirurg und arbeitet von nun an als Fensterputzer. Trotzdem genießt Tomas die neue Tätigkeit, dank welcher er neue Liebschaften gewinnt. Auch Tereza erfährt Bespitzelung, indem sie von einem Mann verführt wird, der sie beide beim Geschlechtsakt filmt.

Am Ende des Romans zieht das Paar in ein kleines böhmisches Dorf. Nach dem Tod ihres Hundes Karenin kommen auch Tereza und Tomas bei einem LKW-Unfall ums Leben.

Einen Nebenstrang bildet die Affäre zwischen dem Schweizer Franz und der Künstlerin Sabina, einer gute Freundin und Liebhaberin von Tomas.

Interessant ist der Aufbau des Romans. Er untergliedert sich in sieben Teile, die sich wiederum aus sehr kurzen Kapiteln zusammensetzen. Jeder Teil hat eine Überschrift, widmet sich der Perspektive einer der vier Protagonisten und somit auch einer metaphysischen Frage. Dabei dominiert deutlich die Stimme des Erzählers, der sich als Autor zu erkennen gibt und das Geschehen stets kommentiert. Kundera macht deutlich, dass seine Figuren nicht real sind. Sie entstehen aus Gesten und kurzen Gedanken.

Schwere und Leichtigkeit

Der Roman knüpft an Nietzsches Theorie der ewigen Wiederkunft an, an die Überlegung, dass sich alle Ereignisse unendlich oft wiederholen. Kundera bringt in diesem Kontext die Antonyme schwer und leicht ein. Leben wir nur ein Leben, so verschwimmen wir in der Irrelevanz. Nichts ist von Bedeutung, solange das Ereignis einmalig ist. Das Einmalige gerät in Vergessenheit. Doch sobald sich das Leben unaufhörlich wiederholt, lastet eine gewisse Schwere auf ihm. Die Bedeutungslosigkeit weicht der Schwere der Bedeutung.

Den Kontrast der Leichtigkeit und Schwere überträgt Kundera auf die Beziehung zwischen Teresa und Tomas. Tomas ist ein Don Giovanni – sein polygames Leben kennzeichnet sich durch Leichtigkeit. Teresa leidet unter seinen Affären, ihr Schmerz zeichnet sich in grotesken Träumen ab. Sie ist zutiefst abhängig von Tomas. Sie fühlt sich schwach und schwer.

Körper und Seele

Teresas metaphysischer Konflikt bezieht sich auf die Dualität zwischen Körper und Geist. Oft steht sie vor dem Spiegel und kann nicht begreifen, dass die Person, die ihr gerade gegenübersteht, sie selbst ist. Sie fragt nach der Seele in ihrem Körper. Der Gedanke, dass jeder nackte Körper allen anderen nackten Körpern auf dieser Welt gleicht, beunruhigt sie. Dass menschliche Körper urinieren und dass ihre Magen knurren, widert sie an. Umso mehr belasten sie Tomas unzählige Affären. Tomas unterscheidet zwischen physischer Liebe und poetischer Liebe, der „wahren Liebe“. Als poetische Liebe lassen sich seine Gefühle für Teresa definieren. Er unterscheidet nicht zwischen weiblichen Körpern, da sie in ihm alle mehr oder weniger Begierde auslösen. Teresas Körper ist somit nicht mehr wert als die seiner Geliebten.

Kitsch und Totalität

Im Zusammenhang mit der Figur Sabina führt Kundera den Begriff des totalitären Kitsches ein. Als Kitsch definiert Kundera alles, was wir als schön, aber gleichzeitig rührend empfinden. Zudem vergleicht er den Kitsch mit totalitären Regimen. Während pluralistische Gesellschaften dem Kitsch entweichen können, bringen totalitäre Regime totalitären Kitsch hervor. Deutlich dringt in Der Unerträgliche Leichtigkeit des Seins Kunderas Kritik am politischen System der Tschechoslowakei durch. Das Buch zeigt, wie das sozialistische Regime das Leben einfacher Menschen beeinflusst. Es zeigt ihre Skepsis, ihre Angst und ihre Kapitulation.

Und würde ich es noch ein drittes Mal lesen?

Es gelingt mir nicht immer, ein Buch mehrmals zu lesen. Im Normalfall schreckt mich ab, dass ich die Handlung bereits kenne. Im Falle Der Unerträgliche Leichtigkeit des Seins handelt es sich um ein Wohlfühlbuch, das ich immer und immer wieder lesen könnte. Kunderas Sprache ist fesselnd, die Handlung ist auf das Wichtigste beschränkt und besonders interessant finde ich Kunderas Kommentare und die Art und Weise, wie er selbst in das Geschehen eingreift. Genauso spannend finde ich den historischen Kontext. Obwohl ich bilingual aufgewachsen bin, habe ich mich vorher nie ausführlich mit der tschechischen Geschichte auseinandersetzt. Das Buch löst Faszination, Melancholie und ein wenig Entrüstung aus. Vielleicht auch ein bisschen Mitgefühl für dieses kleine Land.

Der Mensch denkt hermeneutisch

Wenn der Mensch eine Sache besonders gerne macht, dann ist es das Suchen. Am liebsten nach einem Sinn, manchmal auch nach dem Sinn. Der Mensch ist ein Grübler, er hinterfragt, stellt Zusammenhänge her und versucht, sich die Welt und seine eigene Existenz zu erklären. Ob er sich selbst und das Leben um ihn herum voll und ganz verstehen wird, ist unklar.

Vielleicht sollte ich einmal kurz erklären, wieso ich diesen Blog überhaupt „Hermeneutik im Ohrensessel“ nenne und wieso ich ihn ausgerechnet der Wissenschaft des Verstehens und der Natur des Menschen widme.

Wenn wir danach fragen, wieso ich diesen Namen gewählt habe, dann fragen wir nach dem Sinn. Wir wollen verstehen, wieso. Wir hinterfragen.

In diesem Moment kommt die Hermeneutik ins Spiel. Nicht nur als Titel, sondern auch als philosophischer Ansatz.

Während sich andere Wissenschaften damit auseinandersetzten, bestimmte Sachverhalte zu verstehen, setzt sich nämlich die Hermeneutik mit dem Verstehen an sich auseinander.

Sie kann vieles sein. Grundsätzlich kann die Hermeneutik als Ansatz der Kunstdeutung gesehen werden. Es geht darum, Kunstwerke aller Art zu rezipieren und anschließend auszulegen. Diese Erklärung umfasst die Suche nach dem Zweck dieses Werkes. Welchen Sinn sieht der Schöpfer dahinter? Welchen Sinn kann der Rezipient darin entdecken? In der Hermeneutik wird davon ausgegangen, dass jeglichem menschlichen Schaffen ein Sinn innewohnt und es gilt, diesen zu finden und aufzudecken. Der Begriff wird jedoch in erster Linie in der Literaturwissenschaft verwendet, da bei vielen Methoden der Textinterpretation die hermeneutische Auffassung die Grundlage bildet.

Der Begriff stammt ursprünglich von dem altgriechischen Wort hermēneúein ab, was so viel wie deuten und auslegen bedeutet. Die Entstehung des Wortes ist dabei eng mit der griechischen Mythologie verbunden. Der Bote Hermes überbrachte die Nachrichten der Götter. Diese waren so kryptisch und unklar formuliert, dass sie von ihm übersetzt werden mussten. Der Götterbote war ein wahrer Meister der Hermeneutik, da er die Kunst der Textauslegung ausgezeichnet beherrschte. Tatsächlich findet die Hermeneutik schon in der Antike und im Mittelalter Anwendung. In der Antike werden die Texte Homers und im Mittelalter die Bibel untersucht.

Die Grundlagen der Hermeneutik werden ein paar Jahrhunderte später von dem Philosophen Friedrich Schleiermacher (1786-1834) ausgebaut. Schleiermacher geht es nun nicht mehr um das bloße Auslegen und Übersetzen des textuellen Inhaltes, sondern um das Verstehen selbst. Für ihn ist das Verstehen ein individueller Prozess der Überwindung des Fremden. Nun steht nicht nur die Sprache des Textes, sondern auch die Psyche des Autors, sein Leben und die jeweilige Epoche und im Vordergrund einer hermeneutischen Interpretation.

Dank Wilhelm Dilthey (1833-1911) wird die Hermeneutik zu einer Methode der Geisteswissenschaften. Dilthey grenzt die Natur von dem Innenleben des Menschen ab. Die Natur wird erklärt, die Seele verstanden. Somit grenzt er auch die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften ab. Die Gesetzte der Natur müssen vom Menschen aufgedeckt werden, während das Handeln und Erleben des Menschen unabhängig und getrennt von den Naturgesetzen betrachtet werden müssen.

Der wohl bedeutendste Philosoph der Hermeneutik ist Hans-Georg Gadamer (1900-2002). Gadamer sieht das Verstehen in einem neuen Kontext. Es ist sowohl ein Teil der menschlichen Existenz als auch ein menschliches Bedürfnis. Das Verstehen verschafft dem Menschen einen Zugang zu der Welt. Ohne die Fähigkeit zu verstehen bleibt dem Menschen, alles, was sich außerhalb seines Innenlebens abspielt, verwehrt.

Ein wichtiger Begriff, der bei zahlreichen Autoren, Philologen und Philosophen thematisiert wird, ist der des hermeneutischen Zirkels. Dieser beschreibt die Beziehung zwischen Autor und Rezipient, den zirkelförmigen Vorgang des Beobachtens und des anschließenden Verstehens. Dabei gehen die Hermeneutiker davon aus, dass das Ganze nur mithilfe von einzelnen Teilen verstanden, und die Einzelteile nur mithilfe des großen Ganzen verstanden werden können. Es lässt sich also sagen, dass ein bestimmter Sachverhalt nur dann verständlich ist, wenn bereits ein gewisses Vorwissen existiert.

Heutzutage ist die Hermeneutik in zahlreichen Fachgebieten von Relevanz. Im Vordergrund steht nicht nur die Textinterpretation, sondern ebenso die Rolle des Menschen in einem kulturellen und historischen Kontext. Obwohl der Fokus der Hermeneutik auf der Textauslegung liegt, ist sie eben nicht nur ein Phänomen der Literatur. Letzten Endes lässt sich die Literatur nicht immer getrennt von dem Gesamtkomplex Mensch betrachten, da diese stets dessen Erfahrungen, Gedanken und Weltwahrnehmung widerspiegelt. Im Laufe der Jahrhunderte wendet sich die Hermeneutik zunehmend dem Verstehen als menschliche Eigenschaft und der Frage des Sinns im Allgemeinen zu.

Trotzdem sollte ich ergänzen, dass die Hermeneutik als Methode der Textinterpretation von vielen kritisch betrachtet wird, denn nicht jeder ist mit der Ansicht, dass in jeglicher menschlicher Schöpfung ein Sinn zu erkennen ist, einverstanden. So weist die Literaturwissenschaft zahlreiche weitere Interpretationsansätze auf. Die in den 1960er entstandene Dekonstruktion fragt nicht nach dem Sinn eines Textes, sondern nach der Auflösung des Sinns.

Die Menschen denken hermeneutisch. Und sie versuchen seit Jahrtausenden, Unwissen aufzuheben und sich einen Zugang zu der Welt und dem Ursprung der Existenz zu verschaffen. Sie suchen nach einem Sinn. Warum leben wir? Warum gibt es Leben auf der Erde? Warum ist es nachts dunkel und tagsüber hell? Was ist das Nichts und was das Alles? Am Ende deuten alle kleinen Fragen auf die eine große Frage hin: Was ist der Sinn des Lebens? Vielleicht kann man gerade deshalb das hermeneutische Denken des Menschen als Ursprung von Spiritualität, Religion oder Wissenschaft sehen. Die Frage nach dem Sinn wird von der Frage nach der Sinnlosigkeit begleitet. Es entsteht eine Dichotomie: dem Sinn wird die Sinnlosigkeit gegenübergestellt. Und vielleicht ist der Sinn letztendlich etwas ganz Subjektives.

Und genauso wie die Hermeneutik kann auch die „Hermeneutik im Ohrensessel“ vieles sein. Die Deutung des Lebens. Die Deutung von Kunst. Der Versuch des Verstehens. Die Suche nach dem Sinn. Oder eben der Sinn in der Sinnlosigkeit.

Der Mensch denkt hermeneutisch und sitzt dabei in einem Ohrensessel.

Dualität

Die letzten Monate habe ich Leipzig kaum verlassen. Es war mein erster Sommer in der Großstadt, zumindest in einer großen Stadt, und mein erster Sommer außerhalb der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin.

Man gewöhnt sich daran. An den grauen wolkenbedeckten Himmel, die schwüle Luft und die Gewitter, die unsere Stadt eher meiden, als sich über ihr zu entladen. Es regnet selten und wenn, dann zirkuliert der Gestank von Abgasen über den Dächern. Die Luft bleibt stickig und manchmal bleibt mir die Luft weg.

Die Nächte sind lang und von einem unruhigen Halbschlaf geprägt. In der Wohnung ist es meist wärmer als draußen und wenn ich das Fenster nicht aufmache, dann hält mich die Hitze wach. Ich schlafe mit der Geräuschkulisse einer pulsierenden Stadt ein. Die Linie 73 fährt alle zwanzig Minuten an der Kreuzung um die Ecke vorbei. Irgendwann nur noch jede Stunde. Das warme Licht der Straßenlaternen zwängt sich durch den engen Spalt meiner Vorhänge. Die vorbeifahrenden Autos verwandeln sich in vorbeiziehende Schatten an meiner Decke. Auch die Nachbarn über und unter mir schlafen mit offenen Fenstern. Ich weiß das, weil ich sie hören kann. Kinderschreie hallen durch die dunkle Straße. Unter mir knallen Türen, ein Streit in einer Reihe weiterer zermürbender Ehekrisen. Der Flur füllt sich mit hysterischen Schreien, einer von beiden muss gehen. Ich wache jeden Morgen um sechs auf, schließe das Fenster und verbanne das rhythmische Klicken der Ampeln aus meinem Zimmer. Die Großstadt lässt den Menschen schlaflos.

Irgendwann entkomme ich ihr. Ich bin zum ersten Mal seit langer Zeit in Tschechien, auf dem Land und in den Bergen. Meine Familie besitzt am Rande des Riesengebirges eine kleine Berghütte, die in einen großen wuchernden Garten eingebettet ist. Vor vielen Jahren befand sich noch ein kleiner Wald aus Nadelbäumen auf unserem Grundstück. Später wurden die Bäume gefällt, weil sie zu alt waren und dem pfeifenden Wind des Gebirges nicht mehr standhalten konnten. Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass wir lange nicht mehr hier gewesen sind. Das Unkraut hat begonnen, sich seinen Weg durch die Hauswand zu bahnen.

Im Sommer ist das Haus voller Insekten. Spinnen und Käfer aller Farben und Größen, Fliegen an weißen Spitzengardinen und Ameisen im Küchenregal. In unserer Abwesenheit hat die Natur das Haus für sich beschlagnahmt.  Am Abend wird die Hütte wirr von Fledermäusen und Militärflugzeugen mit Überschall umkreist. Meine Mutter regt sich über den lauten Himmel auf. Flugzeuge, die wir nicht sehen, aber hören können, kreisen Stunde um Stunde über den Gebirgsketten, nach Polen und zurück, so als würden sie uns bewachen. Die Tage sind windig, die Sonne brennt und lässt meine Haare heller werden. Ich laufe barfuß durch das Dorf, durch die vielen Felder und stelle fest, dass meine Füße empfindlicher sind, als ich dachte. Der dampfende Asphalt verbrennt meine Haut, das vertrocknete Gras kratzt unangenehm an meinen Fußsohlen. Es sind Mutter, Vater, Opa und ich, in einer idyllischen Abgeschiedenheit.

Tagsüber verschwindet mein Opa irgendwo in den Weiten des Garten und kümmert sich voller Hingabe um unsere Pflanzen- und Gemüsebeete. Ich beobachte ihn gerne, wie er in der Mittagshitze neue Blumen in die trockene Erde einpflanzt.

Die Nächte verbringen wir am Lagerfeuer mit Wein und tschechischen Hörnchen. Um zehn gehen die Straßenlaternen aus und die Berge werden von einer tiefen Dunkelheit verschluckt, sodass jegliche Konturen verschwimmen und alle Farben verblassen. Man sieht nichts, außer den immer runder werdenden Mond, den schwarzen Nachthimmel mit all seinen Sternen und Kometen.

Als ich klein war, hatte ich Angst vor den Nächten hier. Manchmal lag ich noch stundenlang wach und habe aufmerksam dem Rauschen des Waldes und dem leichten Summen des Kühlschranks gelauscht. Ängstlich und vergewissernd, dass es nicht das Knarzen der schweren Haustür ist. Ich habe mich vor allem Möglichen gefürchtet, vor wilden Tieren, Geistern, Einbrechern oder auch der Einsamkeit einer totenstillen Nacht.

Es sind die Impressionen eines Sommers.