Wann bleibt die Zeit endlich stehen?

Spätsommer im Riesengebirge.

Die Morgensonne durchdringt die grauen Spitzenvorhänge. Ich reiße die Fenster auf und beuge mich so weit nach vorne, dass meine Füße den Boden nicht mehr berühren. Mein Blick wandert zu der rot gestrichenen Holzbank an der Hausfassade, auf der sich meine Großeltern niedergelassen haben und ich bemerke, dass sie ganz nah beieinander sitzen. Meine Oma hat ihr Bein über Opas gelegt. Es ist der Ansatz einer längst verblassten Intimität. Oma legt ihren Kopf auf Opas Schulter und beobachtet aufmerksam die stillen Felder, die sich hinter dem Dorf erstrecken.

Meine Großeltern leben allein in einem nahezu leeren Haus, bestehend aus leeren Räumen mit ausgeblichenen Tapeten. Bewohnt werden nur noch Küche, Wohnzimmer und im Keller stapeln sich Vorräte in Einmachgläsern. Auf den Fensterbrettern reihen sich bunte Blumentöpfe aneinander. Sie hängen auch von den Decken herunter, stehen im Flur, nehmen den Balkon ein, sitzen auf dem Klavier oder zieren den Garten. Das Haus besteht aus wuchernden Pflanzen und aufgesaugter Vergangenheit. Der Morgen sieht jeden Tag gleich aus. Ich schnappe ich mir eine Gießkanne, renne zum Waschbecken und zurück, die Treppen hoch und runter, während kaltes Leitungswasser auf meine nackten Füße tropft. Weiße Sonnenstrahlen prallen auf den Balkon, ich drehe mich ganz schnell im Kreis und gieße die Pflanzen, während Wassertropfen die Hauswand herunterrinnen.        

Oma hat ein krankes Bein. Ihr linkes Knie zeigt in die falsche Richtung, rutscht immer weiter ein Stück nach links. Ich sehe, wie ihr das Gehen schwerfällt, wie ihre Bewegungen stocken und sie dankbar nach ihren Krücken greift. „Das macht das Alter mit einem. Du glaubst gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht!“, ruft sie aus und verschwindet im Garten, ihr krummes Bein hinter sich herziehend. Ich schaue aus dem Fenster und entdecke sie am Pflaumenbaum, wo sie mit zitternden Händen die dunklen Früchte pflückt. Irgendwann kommt Opa zurück aus dem Wald und zeigt mir seinen Korb gefüllt mit Pilzen.

Ich sitze mit Oma in der Küche und trinke den Früchtetee, den sie mir gemacht hat. Der Raum duftet nach frisch gebackenen Buchteln. „Nimm dir!“, sagt sie, nickt in Richtung Ofen und setzt sich zu mir an den Tisch. Ich nippe an der dampfenden Porzellantasse und schaue aus dem Fenster. Wolken ziehen auf und verdecken die Sonne. Oma starrt müde die Wand an, ihre rechte Wange gegen ihre rechte Hand gelehnt. Ihr Gesicht ist von der Sonne gegerbt und faltig wie eine Harmonika. Es ist das Gesicht einer alten Frau, gezeichnet von einer seltsamen Symmetrie. Das rundliche Antlitz ist der Antagonist ihrer weichen, blassen Hände. Ich schaue auf die Hände eines Mädchens, auf deren glatte Haut. Das Haar leuchtet hell auf ihrem Kopf und gibt keine einzige graue Strähne preis.

„Opa, wo ist Oma?“. Opa sitzt im Hof, den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Schäferhund unter seinen Beinen liegend. Manchmal hört er sehr schlecht, deshalb versuche ich besonders tief und laut mit ihm zu sprechen. „Oma ist unten am Bach.“ Opa ist die meiste Zeit still, denn er ist ein Beobachter, ein Zuhörer. Er sagt nicht sonderlich viel, doch wenn er etwas sagt, dann ist er immer lustig.

Ich bahne mir den Weg durch das kniehohe Gras, das meine Knie zerkratzt. Von Oma ist nur der blonde Haarschopf zu sehen, den Rest ihres Körpers scheint die Wiese verschluckt zu haben. Ihre Hände setzen kleine Bäume in die Erde. „Wenn Opa und ich nicht mehr sind, dann stehen die Tannen immer noch hier.“, murmelt sie und klopft die kalte Erde mit der Schaufel fest. „Wie die Zeit vergeht.“, seufzt sie und wischt sich mit dem Handrücken über ihre Stirn, sodass diese plötzlich ganz dreckig ist.

„Oma, an was glaubst du eigentlich?“

„Ich weiß nicht, an was ich glauben soll.“

„Ich auch nicht.“

„Nicht einmal an die katholische Kirche?“

„Als ich klein war. Da blieb mir nichts anderes übrig.“ Und sie erzählt mir von meiner Urgroßmutter, die von einem Blitz getroffen wurde, als Oma vier war. „Da habe ich jeden Abend gebetet, dass sie zurückkommt. Und manchmal bin ich erst neben ihrem Grab eingeschlafen.“

„Was denkst du, passiert nach dem Tod?“

„Das weiß niemand.“

„Der Katholizismus würde dir jetzt eine Antwort geben.“

„Quatsch. Ach, wie die Zeit vergeht!“

Es ist spät, aber Oma und ich sitzen noch im Wohnzimmer. In der Küche ist das Radio an und wir lauschen dem dumpfen Geräusch der Musik, das durch die Wand dringt. Tschechoslowakische 80er. Opa schläft schon, während Oma und ich auf dem Sofa liegen und den schwarzen Bildschirm des Fernsehers anstarren. Ich nehme ihre Hand, begutachte sie und lasse sie nicht mehr los. „Oma, seit wann sind deine Finger so krumm?“ Sie lacht.

„Weißt du, manchmal überrascht es mich, dass Opa und ich noch zusammen sind.“

„Wieso das denn?“

„Es überrascht mich, dass er sich nie eine andere Frau gesucht hat. Seine Eltern wollten immer, dass er ein reiches Mädchen heiratet. Wir waren aber nie reich.“

Ich muss grinsen.

„Kaum zu glauben, dass wir so lange miteinander ausgehalten haben. Wie die Zeit vergeht!“

Und ich frage mich, wann die Zeit endlich stehen bleibt.

8 Gedanken zu “Wann bleibt die Zeit endlich stehen?

  1. Als ich Deine Geschichte las, musste ich auch automatisch an meine Großmutter denken. Sie, die auch soviel Leid in ihrem Leben erfahren musste und trotzdem immmer guten Mutes war. Und als es Zeit war zu gehen, bleib die Zeit trotzdem nicht stehen. Es ging einfach weiter. Der Wind in den Bäumen war noch da, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, Kinder lärmten auf der Straße, Autos hupten….Die Welt drehte sich einfach und ignorierte uns. Es war fast wie immer, aber eben irgendwie anders. Wir hätten gern noch mehr Zeit gehabt zusammen und hatten doch keine mehr. Weißt Du, was ich mir nur noch zum Geburtstag wünsche? Geschenkte Zeit!
    > WordPress.comHermeneutik im Ohrensessel h

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  2. Mich fasziniert, wie aus einem Augenblick etwas Ewiges entstehen kann. Wie eine Sekunde das ganze Leben beeinflussen kann. Auch mir vergeht die Zeit sehr schnell. Und trotzdem möchte ich nicht, dass sie stehen bleibt. Nur das sie nie vergessen wird, sowohl die schönen als auch die anderen Momente.

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