Ein Leben in Schaufenstern

Der Zug braust durch die flache Landschaft. Die Niederlande ist ein Abbild grauer Backsteinhäuser. Sie verschwimmen mit dem Himmel und bilden eine eintönig graue Szenerie. Wir fahren durch Städte und Dörfer, die alle gleich aussehen. Alles wiederholt sich.

Amsterdam strahlt etwas kleinstädtisches aus. Der rußfarbene Himmel spiegelt sich in den Grachten. In der Luft liegt der Geruch von Herbst und dabei haben wir erst Spätsommer. Einige Straßen sind leer, in anderen tummeln sich Schwärme fahrradfahrender Menschen und sie starren stur gerade aus.

Van Gogh hegt eine besondere Faszination für die Bauern und die Schlichtheit, die sie verkörpern. Er beobachtet sie bei ihrer Arbeit auf dem Feld. Er studiert sie, ihre Bewegungen, ihre eingefallenen Gesichter, ihre faltigen Hände. Sie sind schmutzig von der Erde und unter den Fingernägeln klebt Dreck. Das Leben auf dem Land stellt für van Gogh Ursprünglichkeit dar. Er verachtet die Moderne und die lauten stinkenden Städte, die sie mit sich bringt.

Sein Freund Paul Gauguin inspiriert ihn. Van Gogh stellt einen Vergleich auf, indem er zwei Gemälde von jeweils einem Stuhl anfertigt. Einer gehört Gauguin, der andere van Gogh.

Van Goghs Stuhl strahlt Bescheidenheit aus. Es ist ein schlichtes Exemplar, das aus rauem Holz angefertigt wurde. Die Sitzfläche, auf welcher Pfeife und Tabak liegen, besteht aus Stroh.

Van Goghs Stuhl

Seinem Stuhl stellt er Gauguins Stuhl gegenüber. Das Holz ist edel, seine Farbe ein anmutiges Rostrot. Auf dem grünen Sitzkissen befinden sich zwei französische Romane, daneben brennt eine Kerze.

Gauguins Stuhl

Van Gogh sieht sich als geheimer Verbündeter der Bauern. Sein Stuhl zeigt die romantische Vorstellung des ländlichen Lebens.

Er präsentiert Gauguin als weltoffenen Intellektuellen voller Anmut und Eleganz. Doch auch Gauguin ist angetan von dem Gedanken der Ursprünglichkeit, der Naturverbundenheit, bis er letztendlich beschließt, das einfache Leben auf Tahiti zu suchen.

Ich lasse mich zwischen van Goghs Gemälden treiben. Vor den Bildern, die kurz vor seinem Tod entstehen, bleibe ich am längsten stehen.

Ich komme in einem kleinen Boot am Hafen unter. Die Abende verbringe ich an Deck und schreibe in mein kleines Notizbuch. Im Hintergrund reflektiert das Wasser die Lichter verglaster Bürogebäude. Die Fenster haben die Größe von Schaufenstern, doch hinter ihnen befinden sich leere Räume. Ich beobachte meine eigene Handbewegung, sehe den Stift, wie er sich schleppend von links nach rechts bewegt. Einen Tisch weiter sitzt ein Junge mit schwarzem kurzgeschorenem Haar. Auf seinem Kopf sitzen viel zu große Kopfhörer, denen viel zu laute Musik entweicht, sodass ich jeden einzelnen Ton hören kann. Er sitzt regungslos vor seinem Laptop und folgt aufmerksam den mechanischen Bewegungen eines Orchesters. Ich erkenne Bach und seine Brandenburgischen Konzerte. Eine Stunde später klappt er den Laptop zu und verschwindet in seiner Kajüte.

Der Himmel ist strahlend blau. In Amsterdam hat der Tag schon längst begonnen. Ich schlendere an den unzähligen Grachten vorbei. Jede Ecke gleicht der nächsten und manchmal weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Es sind die kleinen Dinge, die sie voneinander unterscheiden. Ihre Menschen, ihre Geschäfte, ihr Geruch und die verschiedenen Verzierungen an den Hausfassaden. Ich setze mich an die Amstel, trinke lauwarmen Café und esse matschigen Apfelkuchen.

In den Niederlanden sind die Übergänge zwischen Stadt und Land abrupt. Hinter der Stadt tut sich direkt das Land auf. Der Bus verlässt das Amsterdamer Zentrum und plötzlich befinde ich mich inmitten von Kuhweiden. Die Dörfer sind Aneinanderreihungen schwarzer oder grüner Häuser, die in den Farben der Bauern und Fischer gestrichen worden sind. Sie sind hübsch, doch sie erscheinen mir künstlich, so als hätte sie jemand aus einem Katalog ausgeschnitten. Der süße Typ vom Crêpe-Stand verkauft mir süße Waffeln. Vom See weht ein sanfter Spätsommerwind zu mir herüber. Ich beobachte einen alten Mann, der akribisch genau die umliegende Landschaft skizziert und meine Blicke nicht bemerkt. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der Windmühle, die sich knarrend im Rhythmus des Windes dreht. Ich sitze auf einem Steg, beuge mich über die Wasseroberfläche und lasse meinen Kopf über dem See baumeln. Die Welt dreht sich.

Mir fällt auf, dass die Menschen hier in Schaufenstern leben. Ihre Fenster sind so groß wie Schaufenster. Sie lieben die Sonne und wenn sie ihre dunklen Räume erhellt. Dafür geben sie ihre Privatsphäre auf. Ich laufe durch die leeren Straßen und mein Blick wandert zu den Schaufenstern. Ich sehe, wie sie ihre Wohnungen eingerichtet haben, wie sie krank auf dem Sofa liegen, wie sie sich streiten oder ihren Morgenkaffee zubereiten. Es sind kleine Theaterstücke, verschiedene Leben in einem Katalog, Schaufenster, die Leben in allen Farben und Größen zu einem fairen Preis anbieten.

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