Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Ich lese Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins zum zweiten Mal. Ich war siebzehn, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe. Genau zur selben Zeit, Ende August, als die Sommerhitze in der Prager Innenstadt kaum zu ertragen war. Ich erinnere mich, dass ich dieses abgewetzte Buch, das ich meinem Opa aus dem Bücherregal entnommen habe, immer und überall mithatte. Ich habe es in der Metro gelesen, im Bus, allen möglichen Cafés, in Parks oder beim Gehen. Zwei Sommer später habe ich es wieder in die Hand genommen.

Der Roman stimmt melancholisch. Und er fasziniert – die Art und Weise, mit welcher die tschechische Geschichte aufgearbeitet und zwischenmenschliche Beziehung analysiert werden. Es folgt die Erkenntnis, dass es gar nicht um die Liebe, sondern um die metaphysischen Probleme der einzelnen Figuren geht.

Milan Kundera und die tschechische Geschichte

Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins ist ein Roman des tschechisch-französischen Schriftstellers Milan Kundera, der 1984 in Frankreich als L’Insoutenable Légèreté de l’être erscheint. Erst ein Jahr später wird das Werk auf Tschechisch publiziert. Jedoch nicht in der Tschechoslowakei, sondern in Toronto bei 68 Publishers, einem tschechischen Verlag für Exilliteratur, der Werke zensierter Autoren im Ausland veröffentlicht. In Tschechien erscheint der Roman als Nesnesitelná lehkost bytí erst 22 Jahre später, gilt aber dennoch als Kunderas kommerziell erfolgreichstes Buch.

Wer Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins liest, wird gleichzeitig aufgefordert, sich mit dem sozialistischen Regime der damaligen Tschechoslowakei zu beschäftigen, denn sowohl die fiktive Geschichte des Romans als auch die persönliche Geschichte des Autors sind eng mit der tschechischen Vergangenheit verwoben. Von 1948 bis 1989 ist die Tschechoslowakei Teil des Ostblocks und ein totalitärer Staat. In seinen jungen Jahren ist Kundera, wie zahlreiche andere tschechische Autoren, stark prokommunistisch und Mitglied der tschechischen kommunistischen Partei (KSČ). In anfänglicher Euphorie verarbeitet er in seinen Werken kommunistische Grundgedanken (diese dürfen heute auf Wunsch des Autors nicht mehr publiziert werden). Im Laufe der Jahre wird Kundera zunehmend skeptischer, hinterfragt die Realisierung des Kommunismus und beginnt, systemkritische Romane zu verfassen.

In den 60ern stellt sich in der Tschechoslowakei die Tauwetterperiode ein, eine Phase der Entspannung und Liberalisierung. Die Zensur ist milder, das kulturelle Leben erfährt eine Wiederbelebung und ein neuer politischer Diskurs entsteht. Bürger und Politiker streben eine Reform des Sozialismus an, einen sogenannten „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Das Hoch dieser Phase ist der „Prager Frühling“ im Jahr 68. Im September marschieren die Truppen des Warschauer Paktes ein, um die Reformbewegung aufzuhalten. Nach der Invasion, in der Zeit der Normalisierung, werden die alten Zustände, die vor der Tauwetterperiode geherrscht haben, wiederhergestellt. Die Folgen sind erneute Repression, Bespitzelung und Zensur. In den 70er Jahren emigriert Milan Kundera nach Frankreich und wird der tschechischen Staatsbürgerschaft beraubt.  

Vor dem Hintergrund des Prager Frühlings und der Normalisierung spielt sich die Geschichte der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins ab, welche auf das Leben einfacher Menschen unter dem Einfluss des Realsozialismus blickt.

Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Den Hauptstrang bildet die Beziehung zwischen Teresa und Tomas. Sie lernen sich in einer tschechischen Kleinstadt kennen, in der Teresa ein eher biederes Leben führt. Tomas hingegen ist erfolgreicher Arzt in einem Prager Krankenhaus. Teresa beschließt, ihr altes Leben aufzugeben und flieht vor dem kleinstädtischen Milieu in die Hauptstadt.

Von Anfang an lastet auf ihrer Liebe Tomas‘ promiskuitiver Lebensstil und seine unzähligen Liebschaften. Nach der Invasion im Jahr 1968 wandern Tomas und Teresa in die Schweiz aus. Da Teresa das Leben in der Fremde nicht erträgt, kehrt sie in die Tschechoslowakei zurück. Ein paar Tage später folgt auch Tomas und beide büßen ihre Freiheit ein.

Wieder in Prag weigert sich Tomas, einen systemkritischen Zeitungsartikel, den er Ende der 60er Jahre verfasst hat, zu widerrufen. Er verliert seine Arbeit als angesehener Chirurg und arbeitet von nun an als Fensterputzer. Trotzdem genießt Tomas die neue Tätigkeit, dank welcher er neue Liebschaften gewinnt. Auch Tereza erfährt Bespitzelung, indem sie von einem Mann verführt wird, der sie beide beim Geschlechtsakt filmt.

Am Ende des Romans zieht das Paar in ein kleines böhmisches Dorf. Nach dem Tod ihres Hundes Karenin kommen auch Tereza und Tomas bei einem LKW-Unfall ums Leben.

Einen Nebenstrang bildet die Affäre zwischen dem Schweizer Franz und der Künstlerin Sabina, einer gute Freundin und Liebhaberin von Tomas.

Interessant ist der Aufbau des Romans. Er untergliedert sich in sieben Teile, die sich wiederum aus sehr kurzen Kapiteln zusammensetzen. Jeder Teil hat eine Überschrift, widmet sich der Perspektive einer der vier Protagonisten und somit auch einer metaphysischen Frage. Dabei dominiert deutlich die Stimme des Erzählers, der sich als Autor zu erkennen gibt und das Geschehen stets kommentiert. Kundera macht deutlich, dass seine Figuren nicht real sind. Sie entstehen aus Gesten und kurzen Gedanken.

Schwere und Leichtigkeit

Der Roman knüpft an Nietzsches Theorie der ewigen Wiederkunft an, an die Überlegung, dass sich alle Ereignisse unendlich oft wiederholen. Kundera bringt in diesem Kontext die Antonyme schwer und leicht ein. Leben wir nur ein Leben, so verschwimmen wir in der Irrelevanz. Nichts ist von Bedeutung, solange das Ereignis einmalig ist. Das Einmalige gerät in Vergessenheit. Doch sobald sich das Leben unaufhörlich wiederholt, lastet eine gewisse Schwere auf ihm. Die Bedeutungslosigkeit weicht der Schwere der Bedeutung.

Den Kontrast der Leichtigkeit und Schwere überträgt Kundera auf die Beziehung zwischen Teresa und Tomas. Tomas ist ein Don Giovanni – sein polygames Leben kennzeichnet sich durch Leichtigkeit. Teresa leidet unter seinen Affären, ihr Schmerz zeichnet sich in grotesken Träumen ab. Sie ist zutiefst abhängig von Tomas. Sie fühlt sich schwach und schwer.

Körper und Seele

Teresas metaphysischer Konflikt bezieht sich auf die Dualität zwischen Körper und Geist. Oft steht sie vor dem Spiegel und kann nicht begreifen, dass die Person, die ihr gerade gegenübersteht, sie selbst ist. Sie fragt nach der Seele in ihrem Körper. Der Gedanke, dass jeder nackte Körper allen anderen nackten Körpern auf dieser Welt gleicht, beunruhigt sie. Dass menschliche Körper urinieren und dass ihre Magen knurren, widert sie an. Umso mehr belasten sie Tomas unzählige Affären. Tomas unterscheidet zwischen physischer Liebe und poetischer Liebe, der „wahren Liebe“. Als poetische Liebe lassen sich seine Gefühle für Teresa definieren. Er unterscheidet nicht zwischen weiblichen Körpern, da sie in ihm alle mehr oder weniger Begierde auslösen. Teresas Körper ist somit nicht mehr wert als die seiner Geliebten.

Kitsch und Totalität

Im Zusammenhang mit der Figur Sabina führt Kundera den Begriff des totalitären Kitsches ein. Als Kitsch definiert Kundera alles, was wir als schön, aber gleichzeitig rührend empfinden. Zudem vergleicht er den Kitsch mit totalitären Regimen. Während pluralistische Gesellschaften dem Kitsch entweichen können, bringen totalitäre Regime totalitären Kitsch hervor. Deutlich dringt in Der Unerträgliche Leichtigkeit des Seins Kunderas Kritik am politischen System der Tschechoslowakei durch. Das Buch zeigt, wie das sozialistische Regime das Leben einfacher Menschen beeinflusst. Es zeigt ihre Skepsis, ihre Angst und ihre Kapitulation.

Und würde ich es noch ein drittes Mal lesen?

Es gelingt mir nicht immer, ein Buch mehrmals zu lesen. Im Normalfall schreckt mich ab, dass ich die Handlung bereits kenne. Im Falle Der Unerträgliche Leichtigkeit des Seins handelt es sich um ein Wohlfühlbuch, das ich immer und immer wieder lesen könnte. Kunderas Sprache ist fesselnd, die Handlung ist auf das Wichtigste beschränkt und besonders interessant finde ich Kunderas Kommentare und die Art und Weise, wie er selbst in das Geschehen eingreift. Genauso spannend finde ich den historischen Kontext. Obwohl ich bilingual aufgewachsen bin, habe ich mich vorher nie ausführlich mit der tschechischen Geschichte auseinandersetzt. Das Buch löst Faszination, Melancholie und ein wenig Entrüstung aus. Vielleicht auch ein bisschen Mitgefühl für dieses kleine Land.

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