Der Mensch denkt hermeneutisch

Wenn der Mensch eine Sache besonders gerne macht, dann ist es das Suchen. Am liebsten nach einem Sinn, manchmal auch nach dem Sinn. Der Mensch ist ein Grübler, er hinterfragt, stellt Zusammenhänge her und versucht, sich die Welt und seine eigene Existenz zu erklären. Ob er sich selbst und das Leben um ihn herum voll und ganz verstehen wird, ist unklar.

Vielleicht sollte ich einmal kurz erklären, wieso ich diesen Blog überhaupt „Hermeneutik im Ohrensessel“ nenne und wieso ich ihn ausgerechnet der Wissenschaft des Verstehens und der Natur des Menschen widme.

Wenn wir danach fragen, wieso ich diesen Namen gewählt habe, dann fragen wir nach dem Sinn. Wir wollen verstehen, wieso. Wir hinterfragen.

In diesem Moment kommt die Hermeneutik ins Spiel. Nicht nur als Titel, sondern auch als philosophischer Ansatz.

Während sich andere Wissenschaften damit auseinandersetzten, bestimmte Sachverhalte zu verstehen, setzt sich nämlich die Hermeneutik mit dem Verstehen an sich auseinander.

Sie kann vieles sein. Grundsätzlich kann die Hermeneutik als Ansatz der Kunstdeutung gesehen werden. Es geht darum, Kunstwerke aller Art zu rezipieren und anschließend auszulegen. Diese Erklärung umfasst die Suche nach dem Zweck dieses Werkes. Welchen Sinn sieht der Schöpfer dahinter? Welchen Sinn kann der Rezipient darin entdecken? In der Hermeneutik wird davon ausgegangen, dass jeglichem menschlichen Schaffen ein Sinn innewohnt und es gilt, diesen zu finden und aufzudecken. Der Begriff wird jedoch in erster Linie in der Literaturwissenschaft verwendet, da bei vielen Methoden der Textinterpretation die hermeneutische Auffassung die Grundlage bildet.

Der Begriff stammt ursprünglich von dem altgriechischen Wort hermēneúein ab, was so viel wie deuten und auslegen bedeutet. Die Entstehung des Wortes ist dabei eng mit der griechischen Mythologie verbunden. Der Bote Hermes überbrachte die Nachrichten der Götter. Diese waren so kryptisch und unklar formuliert, dass sie von ihm übersetzt werden mussten. Der Götterbote war ein wahrer Meister der Hermeneutik, da er die Kunst der Textauslegung ausgezeichnet beherrschte. Tatsächlich findet die Hermeneutik schon in der Antike und im Mittelalter Anwendung. In der Antike werden die Texte Homers und im Mittelalter die Bibel untersucht.

Die Grundlagen der Hermeneutik werden ein paar Jahrhunderte später von dem Philosophen Friedrich Schleiermacher (1786-1834) ausgebaut. Schleiermacher geht es nun nicht mehr um das bloße Auslegen und Übersetzen des textuellen Inhaltes, sondern um das Verstehen selbst. Für ihn ist das Verstehen ein individueller Prozess der Überwindung des Fremden. Nun steht nicht nur die Sprache des Textes, sondern auch die Psyche des Autors, sein Leben und die jeweilige Epoche und im Vordergrund einer hermeneutischen Interpretation.

Dank Wilhelm Dilthey (1833-1911) wird die Hermeneutik zu einer Methode der Geisteswissenschaften. Dilthey grenzt die Natur von dem Innenleben des Menschen ab. Die Natur wird erklärt, die Seele verstanden. Somit grenzt er auch die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften ab. Die Gesetzte der Natur müssen vom Menschen aufgedeckt werden, während das Handeln und Erleben des Menschen unabhängig und getrennt von den Naturgesetzen betrachtet werden müssen.

Der wohl bedeutendste Philosoph der Hermeneutik ist Hans-Georg Gadamer (1900-2002). Gadamer sieht das Verstehen in einem neuen Kontext. Es ist sowohl ein Teil der menschlichen Existenz als auch ein menschliches Bedürfnis. Das Verstehen verschafft dem Menschen einen Zugang zu der Welt. Ohne die Fähigkeit zu verstehen bleibt dem Menschen, alles, was sich außerhalb seines Innenlebens abspielt, verwehrt.

Ein wichtiger Begriff, der bei zahlreichen Autoren, Philologen und Philosophen thematisiert wird, ist der des hermeneutischen Zirkels. Dieser beschreibt die Beziehung zwischen Autor und Rezipient, den zirkelförmigen Vorgang des Beobachtens und des anschließenden Verstehens. Dabei gehen die Hermeneutiker davon aus, dass das Ganze nur mithilfe von einzelnen Teilen verstanden, und die Einzelteile nur mithilfe des großen Ganzen verstanden werden können. Es lässt sich also sagen, dass ein bestimmter Sachverhalt nur dann verständlich ist, wenn bereits ein gewisses Vorwissen existiert.

Heutzutage ist die Hermeneutik in zahlreichen Fachgebieten von Relevanz. Im Vordergrund steht nicht nur die Textinterpretation, sondern ebenso die Rolle des Menschen in einem kulturellen und historischen Kontext. Obwohl der Fokus der Hermeneutik auf der Textauslegung liegt, ist sie eben nicht nur ein Phänomen der Literatur. Letzten Endes lässt sich die Literatur nicht immer getrennt von dem Gesamtkomplex Mensch betrachten, da diese stets dessen Erfahrungen, Gedanken und Weltwahrnehmung widerspiegelt. Im Laufe der Jahrhunderte wendet sich die Hermeneutik zunehmend dem Verstehen als menschliche Eigenschaft und der Frage des Sinns im Allgemeinen zu.

Trotzdem sollte ich ergänzen, dass die Hermeneutik als Methode der Textinterpretation von vielen kritisch betrachtet wird, denn nicht jeder ist mit der Ansicht, dass in jeglicher menschlicher Schöpfung ein Sinn zu erkennen ist, einverstanden. So weist die Literaturwissenschaft zahlreiche weitere Interpretationsansätze auf. Die in den 1960er entstandene Dekonstruktion fragt nicht nach dem Sinn eines Textes, sondern nach der Auflösung des Sinns.

Die Menschen denken hermeneutisch. Und sie versuchen seit Jahrtausenden, Unwissen aufzuheben und sich einen Zugang zu der Welt und dem Ursprung der Existenz zu verschaffen. Sie suchen nach einem Sinn. Warum leben wir? Warum gibt es Leben auf der Erde? Warum ist es nachts dunkel und tagsüber hell? Was ist das Nichts und was das Alles? Am Ende deuten alle kleinen Fragen auf die eine große Frage hin: Was ist der Sinn des Lebens? Vielleicht kann man gerade deshalb das hermeneutische Denken des Menschen als Ursprung von Spiritualität, Religion oder Wissenschaft sehen. Die Frage nach dem Sinn wird von der Frage nach der Sinnlosigkeit begleitet. Es entsteht eine Dichotomie: dem Sinn wird die Sinnlosigkeit gegenübergestellt. Und vielleicht ist der Sinn letztendlich etwas ganz Subjektives.

Und genauso wie die Hermeneutik kann auch die „Hermeneutik im Ohrensessel“ vieles sein. Die Deutung des Lebens. Die Deutung von Kunst. Der Versuch des Verstehens. Die Suche nach dem Sinn. Oder eben der Sinn in der Sinnlosigkeit.

Der Mensch denkt hermeneutisch und sitzt dabei in einem Ohrensessel.

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