Dualität

Die letzten Monate habe ich Leipzig kaum verlassen. Es war mein erster Sommer in der Großstadt, zumindest in einer großen Stadt, und mein erster Sommer außerhalb der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin.

Man gewöhnt sich daran. An den grauen wolkenbedeckten Himmel, die schwüle Luft und die Gewitter, die unsere Stadt eher meiden, als sich über ihr zu entladen. Es regnet selten und wenn, dann zirkuliert der Gestank von Abgasen über den Dächern. Die Luft bleibt stickig und manchmal bleibt mir die Luft weg.

Die Nächte sind lang und von einem unruhigen Halbschlaf geprägt. In der Wohnung ist es meist wärmer als draußen und wenn ich das Fenster nicht aufmache, dann hält mich die Hitze wach. Ich schlafe mit der Geräuschkulisse einer pulsierenden Stadt ein. Die Linie 73 fährt alle zwanzig Minuten an der Kreuzung um die Ecke vorbei. Irgendwann nur noch jede Stunde. Das warme Licht der Straßenlaternen zwängt sich durch den engen Spalt meiner Vorhänge. Die vorbeifahrenden Autos verwandeln sich in vorbeiziehende Schatten an meiner Decke. Auch die Nachbarn über und unter mir schlafen mit offenen Fenstern. Ich weiß das, weil ich sie hören kann. Kinderschreie hallen durch die dunkle Straße. Unter mir knallen Türen, ein Streit in einer Reihe weiterer zermürbender Ehekrisen. Der Flur füllt sich mit hysterischen Schreien, einer von beiden muss gehen. Ich wache jeden Morgen um sechs auf, schließe das Fenster und verbanne das rhythmische Klicken der Ampeln aus meinem Zimmer. Die Großstadt lässt den Menschen schlaflos.

Irgendwann entkomme ich ihr. Ich bin zum ersten Mal seit langer Zeit in Tschechien, auf dem Land und in den Bergen. Meine Familie besitzt am Rande des Riesengebirges eine kleine Berghütte, die in einen großen wuchernden Garten eingebettet ist. Vor vielen Jahren befand sich noch ein kleiner Wald aus Nadelbäumen auf unserem Grundstück. Später wurden die Bäume gefällt, weil sie zu alt waren und dem pfeifenden Wind des Gebirges nicht mehr standhalten konnten. Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass wir lange nicht mehr hier gewesen sind. Das Unkraut hat begonnen, sich seinen Weg durch die Hauswand zu bahnen.

Im Sommer ist das Haus voller Insekten. Spinnen und Käfer aller Farben und Größen, Fliegen an weißen Spitzengardinen und Ameisen im Küchenregal. In unserer Abwesenheit hat die Natur das Haus für sich beschlagnahmt.  Am Abend wird die Hütte wirr von Fledermäusen und Militärflugzeugen mit Überschall umkreist. Meine Mutter regt sich über den lauten Himmel auf. Flugzeuge, die wir nicht sehen, aber hören können, kreisen Stunde um Stunde über den Gebirgsketten, nach Polen und zurück, so als würden sie uns bewachen. Die Tage sind windig, die Sonne brennt und lässt meine Haare heller werden. Ich laufe barfuß durch das Dorf, durch die vielen Felder und stelle fest, dass meine Füße empfindlicher sind, als ich dachte. Der dampfende Asphalt verbrennt meine Haut, das vertrocknete Gras kratzt unangenehm an meinen Fußsohlen. Es sind Mutter, Vater, Opa und ich, in einer idyllischen Abgeschiedenheit.

Tagsüber verschwindet mein Opa irgendwo in den Weiten des Garten und kümmert sich voller Hingabe um unsere Pflanzen- und Gemüsebeete. Ich beobachte ihn gerne, wie er in der Mittagshitze neue Blumen in die trockene Erde einpflanzt.

Die Nächte verbringen wir am Lagerfeuer mit Wein und tschechischen Hörnchen. Um zehn gehen die Straßenlaternen aus und die Berge werden von einer tiefen Dunkelheit verschluckt, sodass jegliche Konturen verschwimmen und alle Farben verblassen. Man sieht nichts, außer den immer runder werdenden Mond, den schwarzen Nachthimmel mit all seinen Sternen und Kometen.

Als ich klein war, hatte ich Angst vor den Nächten hier. Manchmal lag ich noch stundenlang wach und habe aufmerksam dem Rauschen des Waldes und dem leichten Summen des Kühlschranks gelauscht. Ängstlich und vergewissernd, dass es nicht das Knarzen der schweren Haustür ist. Ich habe mich vor allem Möglichen gefürchtet, vor wilden Tieren, Geistern, Einbrechern oder auch der Einsamkeit einer totenstillen Nacht.

Es sind die Impressionen eines Sommers.

8 Gedanken zu “Dualität

  1. Liebe Anna, so schön, nach so langer Zeit etwas von Dir zu lesen! Und dann auch noch so wunderbar geschrieben. Ulkig, welche unterschiedlichen Gefühle die Sommerhitze an verschiedenen Orten hervorruft. Ich könnte gerade etwas über die in der Sonne flimmernden Salzwiesen am Bodden von Hiddensee beitragen und über die Glückseligkeit des Morgenschwimmens im glasklaren, kühlen Wasser der Ostsee. Ein rauschender Erlenbruch im Wind und in ihm lebende, aufgeregte Starenschwärme sind für zwei Wochen unsere Umgebungsgeräusche. Lass es Dir gutgehen und genieß den Sommer irgendwo ohne städtisch Aufgesetztes!
    Ich freue mich, immer mal von Dir zu lesen!
    Liebe Grüße an Deine Familie und Dich!
    Susanne Peise

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    1. Hallo Frau Peise, wie schön, von Ihnen zu hören und vielen Dank für die lieben Worte! Genießen Sie weiterhin Ihren Urlaub an der traumhaften Ostsee (bei Ihrer Beschreibung werde ich ja glatt neidisch) und vielleicht sieht man sich irgendwann in der Heimat wieder.
      Liebe Grüße auch an Ihre Familie 🙂

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